Dank des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz im Hybrid-OP des SLK-Zentrums für Gefäß- und Endovascularchirurgie im Klinikum am Plattenwald werden Operationen sicherer. Bildquelle: SLK-Kliniken Heilbronn GmbH

17.01.2023

Immer auf dem richtigen Kurs – wie künstliche Intelligenz bei Gefäßoperationen helfen kann

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Ein kompetenter Operateur, der sein Fach versteht und weiß, was zu tun ist: unersetzlich. Ein intelligentes System, das Gefäßoperationen sicherer macht: wünschenswert. Beides zusammen: der Optimalfall.

Es ist tückisch: Erweiterungen von Blutgefäßen (Aneurysmen) verlaufen überwiegend schmerzlos und bleiben deshalb oft unbemerkt. Sobald sich aber Brust-, Bauch- oder Beckenschlagadern zu weit ausdehnen und in der Folge platzen, wird es unmittelbar lebensgefährlich. Eine OP ist unumgänglich und muss schnellstmöglich erfolgen. Das Zentrum für Gefäß- und Endovascularchirurgie im Klinikum am Plattenwald (Bad Friedrichshall) hat seine langjährige Expertise in diesem Bereich jetzt mit einer hochmodernen Navigationstechnologie weiter gestärkt. 

Als eine von derzeit nur zwei Kliniken in Deutschland setzt das SLK-Gefäßzentrum ein neues System bei komplexen Operationen von lebensbedrohlichen Gefäßerweiterungen in einem sogenannten Hybrid-OP –  einer Kombination von OP-Saal und festeingebauter Röntgen-Hochleistungsanlage – ein: Dadurch steigt die Patientensicherheit, die Strahlen- und Kontrastmittelbelastung wird reduziert und die Eingriffszeit verkürzt sich.

Besser navigieren
Das neue System arbeitet – wie auch andere OP-Navigationssysteme – mit einer Kombination aus vor der OP angefertigten und während dem Eingriff erzeugten „Live-Röntgenbildern“. Durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) ist es möglich, diese „Live-Röntgenbilder“ mit Computer-Tomographie-Aufnahmen (CT), die bereits vor dem Eingriff bei der OP-Planung am Computer markiert wurden, abzugleichen. Live-Bilder und bearbeitete CT-Bilder werden hierzu digital „übereinander“ gelegt. Daraus entsteht während der OP eine sich selbst justierende dreidimensionale Karte der Gefäße in Echtzeit. So können Operierende sicher, schnell und zugleich präzise durch das Gefäßsystem navigieren – unabhängig davon, ob sich der Arm des Röntgengerätes oder die Position des Patienten verändert, denn innerhalb weniger Sekunden justiert sich die Karte automatisch nach. „Das ist ungemein wertvoll, denn bei Operationen an der Bauch- oder Brustschlagader muss der Chirurg akribisch auf die Abgänge der Eingeweide-, Nieren- oder auch Hirnschlagadern achten. Diese Arterien versorgen die lebenswichtigen Organe und das Gehirn mit Blut. Es gilt unbedingt zu verhindern, dass es bei der OP unabsichtlich zu einem Verschluss dieser Gefäße kommt“, erklärt Dr. Thomas Karl, Direktor des SLK-Zentrums für Gefäß- und Endovascularchirurgie, diesen wichtigen Schritt. 

Weniger Kontrastmittel
Ein großer Vorteil, den die Technologie durch die schon vorab markierten Gefäßabgänge zudem bietet, ist der geringere Verbrauch von Röntgen-Kontrastmittel. Bei  komplexen endovaskulären, also durch das Gefäßsystem mittels Stents durchgeführten, sogenannten minimal-invasiven Gefäßeingriffen, muss wiederholt Kontrastmittel gespritzt werden, um die Hauptschlagadern und deren Abgänge sichtbar zu machen. Bei jeder Bewegung des Patienten, bei jeder Verschiebung des Röntgenbogens oder bei der Darstellung einzelner Gefäßaufzweigungen war dies notwendig. Röntgen-Kontrastmittel können aber schwere Nebenwirkungen auslösen, wie zum Beispiel das Versagen der Entgiftungsfunktion der Nieren (Niereninsuffizienz) oder eine Kontrastmittelallergie. Hier gilt also: je weniger, desto besser. Der Einsatz des Systems reduziert zusätzlich die Strahlenbelastung sowohl für Patienten als auch für das OP-Team erheblich. Egal wie die Röntgenanlage, der OP-Tisch oder der Patient verschoben werden, das Gerät steuert nach, errechnet die Positionen neu und passt die Marker automatisch an, ohne dass eine erneute Kontrastmittelgabe notwendig wird. Der Strahlenschutz ist in einem sogenannten „High Volume-Zentrum“, wie dem Klinikum am Plattenwald, wo jährlich über siebzig solcher Eingriffe durchgeführt werden, von immer  größerer Bedeutung.

„Mithilfe dieser neuen Technologie und dem ebenfalls bei uns möglichen Einsatz der C02-Angiographie, bei der anstatt jodhaltigem Kontrastmittel Kohlendioxid als Kontrastmittel verwendet wird, sind wir auf dem Weg zur kontrastmittelfreien Behandlung von Aneurysmen der Bauch- und Brustschlagadern einen weiteren, großen Schritt vorangekommen“, erläutert Gefäßexperte Dr. Karl. Da zwischenzeitlich mehr als 70 Prozent dieser Aneurysmen endovaskulär versorgt werden, die Strahlen- und Kontrastmittelbelastung aber einen der entscheidenden Nachteile im Vergleich mit der sogenannten offenen OP darstellt, ist die Kombination aus CO2 Kontrastmittel und KI ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur minimal-invasiven Gefäß-OP ohne Kontrastmittel.

Übrigens
Für alle, die nicht in die Verlegenheit kommen wollen, beispielsweise wegen eines Aneurysmas der Bauchaorta als Notfall auf dem OP-Tisch zu landen: Gesetzlich krankenversicherte Männer ab 65 Jahren, die als maßgebliche Risikogruppe identifiziert sind, haben seit 2018  Anspruch auf eine einmalige Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Bauchaortenaneurysmen.
 

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