| Was ist das Borderline-Syndrom? |
Der Begriff „Borderline“ ist der englischen Sprache entlehnt und bedeutet Grenzlinie. Bei der nicht einheitlich definierten Erkrankung handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die sich zwischen Psychose und Neurose, also im Grenzbereich beider Erkrankungen, bewegt. Entsprechend weisen die Patienten die Anzeichen vieler anderer psychotischer und neurotischer Krankheiten auf.
Unter dem Borderline-Syndrom leiden häufiger Frauen als Männer. Dabei ist das Leiden keineswegs nur eine „Modeerscheinung“ der vergangenen 20 Jahre. Bereits 1884 fand der Begriff „Borderland“ Erwähnung in der wissenschaftlichen Literatur. Sämtliche namhafte Vertreter von Psychologie und Psychiatrie wie Freud, Jung, Adler und Reich beschäftigten sich mit der Symptomatik.
| Symptome |
Ein wichtiges Anzeichen des Borderline-Syndroms ist die Angst – nicht die „normale“ Angst, die sich auf eine bestimmte Sache bezieht, sondern eine in der Intensität schwankende Angst, die nicht konkretisierbar ist und die die Betroffenen ständig begleitet. Die meisten Borderline-Patienten geben diese Angst aber auch auf Nachfrage nicht zu. Erst wenn sie sich von ihrem Therapeuten angenommen fühlen, sind sie dazu in der Lage.
Da das Borderline-Syndrom zwischen Psychose und Neurose angesiedelt ist, weisen die Patienten außerdem eine Reihe von Symptomen auf, die aus dem Bereich beider Erkrankungen bekannt sind.
Sie leiden unter multiplen, häufig kombinierten Phobien, die meistens auf den eigenen Körper bezogen sind. Zwänge unterschiedlicher Art bestimmen ihr Leben. Die Zwangsgedanken sind jedoch im Gegensatz zum Wahngedanken mit Hilfe einer Psychotherapie gut zu beherrschen.
Auch zu Depressionen kann es kommen. Die Betroffenen fühlen sich leer und neigen zu aggressiven Handlungen gegen sich selbst. Bekannt geworden ist hier vor allem das „Schneiden“. Hinzu kommen psychosomatische Störungen, die vor allem den Magen-Darm-Trakt betreffen und auch Anzeichen einer Psychose, die jedoch meist nur kurz andauern und sich rasch zurückbilden. Oft sehr „blutige“ optische Halluzinationen stellen nicht selten eine Art „Wiederbelebung“ des Traumas dar, das zum Borderline-Syndrom geführt hat.
Es kann zur Ausbildung einer multiplen Persönlichkeit kommen, wobei die Patienten oft nichts von der „anderen“ Person in ihrem Inneren wissen. Drogenmissbrauch soll dazu dienen, die allgegenwärtige Angst zu betäuben. Den Patienten geht es also nicht um den Rauschzustand, sondern um das Vermeiden eines negativ erlebten Gefühls. Es handelt sich also um eine Art „Selbsttherapie“ mit gefährlichen „Nebenwirkungen“, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
Die Sexualität von Borderline-Patienten ist gestört: Es kann zu keiner Konstanz in den Beziehungen und im Sexualverhalten kommen. Menschen werden grundsätzlich in gut und böse aufgeteilt (Splitting). „Grauzonen“ existieren nicht.
Gegenüber ihrer Umwelt verhalten Borderline-Patienten sich häufig antisozial. Sie isolieren sich, denn sie fürchten sich vor Nähe, und sie neigen zu Wutausbrüchen und Feindseligkeit. Möglich sind ferner hysterische Zustände. Die Betroffenen glauben, sie seien sehr mächtig oder sie gehörten einer sehr mächtigen Gruppe an. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen Wahnzustand, sondern um den Versuch Angst machenden Situationen zu entgehen. Eine als bedrohlich erlebte Außenwelt wird mit Hilfe von Trancezuständen aus dem bewussten Erleben verbannt. Häufig kann der Betroffene sich nicht mehr daran erinnern.
| Ursachen |
Die Gründe für eine Borderline-Erkrankung liegen vor allem in der Kindheit der Betroffenen. Dabei spielt vor allem früh erlebte massive psychische oder physische Gewalt eine Rolle. Weibliche Borderline-Patienten sind oftmals Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, männliche Opfer schwerer körperlicher Misshandlungen. Im Krankheitsverlauf führt der Missbrauch zu Gewalthandlungen gegen sich selbst, die Misshandlung zu Gewalthandlungen gegenüber anderen Menschen. Hierin liegt womöglich ein Grund für die niedrigere Rate an männlichen Borderline-Patienten. Als Opfer von Misshandlungen wenden sie später die erlebte Gewalt gegen ihre Mitmenschen. Dies wird unter Umständen nicht als Symptom einer Krankheit erkannt, sondern taucht als Strafdelikt in den Kriminalstatistiken auf.
Auch die sich wandelnden Strukturen in vielen Familien können das Leiden auslösen. Wirtschaftliche Zwänge haben nicht selten zur Folge, dass Kinder viel zu früh von ihrer Bezugsperson getrennt werden und nicht selten auch Opfer von psychischen und physischen Misshandlungen sind. In Krisensituationen fehlt eine Vertrauensperson oder die Erwartungen des Kindes an die Vertrauensperson werden enttäuscht.
| Wann ist ein Arzt aufzusuchen? |
Nicht zuletzt auf Grund der hohen Selbstmordrate sollten sich die Betroffenen unbedingt in psychiatrische Behandlung begeben.
Kommt es zu aggressiven Handlungen am eigenen Körper wie z.B. tiefen Schnitten, müssen diese Verletzungen ohnehin in einem Krankenhaus ärztlich versorgt werden.
| Diagnose |
Die Diagnose des Borderline-Syndroms ist nicht einfach zu treffen, zumal selbst in der Fachliteratur Uneinigkeit über die Definition des Leidens herrscht. Die betroffenen Patienten weisen eine Vielzahl wechselnder und schwankender neurotischer Symptome auf. Dies kann leicht zu einer Fehldiagnose führen. Wie schwer sich diese Erkrankung von anderen psychischen Leiden abgrenzen lässt, zeigt sich unter anderem daran, dass sie immer häufiger diagnostiziert wird.
Deswegen hängt die Diagnose nicht allein von den beschriebenen Symptomen ab. Der Arzt, ein Psychiater, muss die für das Borderline-Syndrom typische Ich-Störung nachweisen. Eine Ich-Störung ist durch die Verminderung des Einheitserlebens, der Grenzen von Ich und Umwelt sowie der Identität im Zeitverlauf gekennzeichnet.
Um die Diagnose des Borderlin-Syndroms zu vereinfachen, wurden Kriterien entwickelt, von denen mindestens 5 erfüllt sein müssen:
| Behandlung |
Borderline-Patienten sind dazu in der Lage, ihre innere Zerrissenheit auf das aus Therapeuten und Pflegern bestehende Team zu übertragen. Die Behandlung eines Borderline-Patienten gehört deswegen unbedingt in die Hand von Spezialisten, denen der Umgang mit dieser Patientengruppe vertraut ist. Und der ist nicht einfach, denn die Therapeuten und Pfleger müssen z.B. verhindern, dass ihre Patienten nicht den Heilungsprozess von Mitpatienten in Mitleidenschaft ziehen.
Die Therapie sollte in erster Linie durch eine klassische psychotherapeutische Behandlungstechnik erfolgen, die aber in einigen Punkten durchaus vom Standardverfahren abweicht. Das Ziel der Therapie liegt in der Beseitigung der Ich-Störung. Mit Hilfe von Verhaltens- und Gruppentherapie können die Erkrankten ein angemessenes Sozialverhalten erlernen. Psychopharmaka, vor allem Neuroleptika, kommen lediglich in psychotischen Phasen oder Phasen mit verstärkter Angstsymptomatik zum Einsatz.
| Komplikationen |
Borderline-Patienten neigen dazu, sich selbst verletzten zu wollen. In der Öffentlichkeit bekannt geworden ist die Erkrankung vor allem auch durch Berichte, dass die Betroffenen sich selbst tiefe Schnittwunden zufügen.
Das Borderline-Syndrom ist außerdem durch eine außergewöhnlich hohe Selbstmordrate gekennzeichnet. Bei weiblichen Patienten, die depressive Symptome aufweisen und in der Kindheit sexuell missbraucht wurden, liegt die Selbstmordrate bei 100%.
| Prävention |
Eine unbeschwerte Kindheit mit eindeutiger Bezugsperson in gesicherten Verhältnissen ist nach derzeitigen Erkenntnissen eine gute Voraussetzung für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Da in manchen Fällen diese idealen Voraussetzungen fehlen, ist eine Vorbeugung vor dem Borderline-Syndrom nicht immer möglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mensch mit einer unglücklichen Kindheit zwangsläufig am Borderline-Syndrom erkranken muss.
| Was kann ich selbst tun? |
Wichtige Voraussetzung für die Therapie einer psychischen Erkrankung ist die Bereitschaft der Patienten, mitzumachen. Das gilt natürlich auch für die Behandlung des Borderline-Syndroms. Gehen Sie deshalb auf Therapieangebote ein, kooperieren Sie mit dem Therapeuten-Team. Das führt langfristig dazu, dass Sie sich besser fühlen und viel Lebensqualität zurückgewinnen.